Klempnertechnik im Land der goldenen Pagoden
Der Trend, auf den alle Klempner sehnsüchtigst warten: Das mit purem Gold bekleidete Dach!
Man denke nur an die anfallenden Bohrspähne oder die Flachdachbauer, die sich nie wieder über Blechreste auf Folienflachdächern aufregen müßten. Selbst die Lehrlinge würden vom ersten Tag an die Notwendigkeit des Recyclings verstehen.
Ein Blick in eines der ärmsten Länder der Erde belehrt uns eines Besseren. Dieser Trend ist seit fast 2000 Jahren Realität! Langlebig! Wertbeständig und unabstreitbar exklusiv! Aber Spaß beiseite - von den goldenen Pagoden in Südostasien hat schon Marco Polo geschwärmt. In Thailand, Vietnam, Sri Lanka oder Kambodscha sind diese Pagoden, ähnlich der goldenen Dächer des Kremels in Moskau, mit hauchdünnen Goldplättchen blattvergoldet .Der Glanz, der von diesen sakralen Bauten ausgeht, zieht jeden Besucher in seinen Bann. Als ich bei einer meiner Asienreisen die Möglichkeit hatte, Myanmar (ehemals Burma) “das Land der goldenen Pagoden” zu besuchen, traute ich meinen Augen nicht. Schon in Yangon, der Hauptstadt Myanmars, faszinierte mich die Shwedagon Pagode mit ihren fast 100 m Höhe. Die Pagode ist mit über 8600 Goldplatten belegt, wovon jede einzelne nach heutigem Wert ca. 600,00 EURO kosten würde.
Mein Klempnerherz begann beim Anblick der Shwemawdaw-Pagode in Pegu - der früheren Hauptstadt des heutigen Myanmars - jedoch erst richtig zu schlagen. Die Pagode war zum Zeitpunkt meines Besuches komplett eingerüstet (Bild 4+5). Ein 125 m hohes Gebilde aus aberhunderten Bambusstangen, das mich entfernt an die filigranen Formen eines Spinnennetzes erinnerte. Wie um alles in der Welt kann hier gearbeitet werden? Keine Absturzsicherungen, keine Steigleitern, sogar Laufbohlen suchte ich vergebens. Die burmesischen Klempnerkollegen scheinen absolut unerschrocken und obendrein 250%ig schwindelfrei zu sein.
Beim Umrunden der Pagode vernahm ich auf einmal vertraute Geräusche, die aus einer Art Gittercontainer zu kommen schienen (Bild 10). Beim Blick in die Gitterbox (Bild 11) sah ich 3 Klempnerkollegen, die damit beschäftigt waren, mit Treibwerkzeugen goldenen Blechteilen die passende Form zu geben. Werkzeuge wie Blechschere und Bördeleisen waren ebenso wie Holzhammer, Richtplatte und Schaleisen zu sehen. Ein Polizist überwachte die Arbeiten und gestattete mir, ein Foto der Werkstatt zu machen. Soweit eine Verständigung möglich war, erklärten mir die Kollegen einige Details: Die einzelnen Goldblechtafeln hatten eine Größe von ca. 15 x 15 cm bis 35 x 35 cm und eine Stärke von ca. 1 mm.
Bei der Eindeckung handelt es sich um eine Schindeldeckung, die auf einer Lattenrost ähnlichen Unterkonstruktion aus Holz aufgebracht wird. Die einzelnen Schindeln werden mit Nägeln direkt befestigt (Bild 9). Der Bereich des Bambusgerüstes, auf dem gearbeitet wird, ist mit Bambusmatten abgedeckt, um ein Arbeiten bei großer Hitze zu ermöglichen und die Reflektionen der Sonneneinstrahlung zu verringern (Bild 7). Finanziert wurden die Restaurationsarbeiten durch Spenden gläubiger Buddhisten aus allen Gesellschaftsschichten des Landes. Auch das seit Jahren herrschende Militärregime finanziert Restaurationen wie diese im ganzen Land, um bei der gläubigen Bevölkerung Myanmars Sympathien zu erlangen.
Das Beeindruckendste und zugleich Bewunderungswürdigste ist jedoch die unbeschwerte Arbeitsweise der Burmesen. Anders als hierzulande sind Termindruck und Preiskampf nicht vorhanden. Der Buddhist erwirbt sich mit der Arbeit an den Pagoden gute Verdienste, die ihn laut buddhistischer Lehre der Ewigkeit ein Stück näher bringen.
Derselben Ewigkeit, für die die Pagoden errichtet und mit purem Gold bekleidet wurden, mit der einzigen Aufgabe, den alle 5000 Jahre wiederkehrenden Buddha zu erfreuen.


